Hermann F. Reemtsma

Geboren am 29.10.1892 in Osterholz-Scharmbeck bei
Bremen, gestorben am 18.06.1961 auf seinem Hof
in der Heide; luth.; Unternehmer, Fabrikant, Mäzen.

Als Geschäftsmann spielte Hermann F. Reemtsma mit dem von seinem Bruder Philipp und ihm geführten Zigarettenunternehmen seit den zwanziger Jahren in Altona und Hamburg eine wichtige wirtschaftliche ­Rolle. Zudem machte er sich als Mäzen und Förderer der Kunst, speziell Ernst Barlachs, einen Namen.

Der Vater Reemtsmas, Bernhard, stammte aus Ostfriesland, war Kaufmann und seit 1890 Teilhaber der kleinen Zigarrenfabrik »Riechers & Co« in Osterholz-Scharmbeck. Die Familie übersiedelte 1894 nach Blankenburg im Harz, wo Reemtsma die Bürgerschule und später das Humanistische Gymnasium besuchte. Der Vater gründete dort die »J.B. Reemtsma, Zigarrenfabrik und –handel«. 1908 zog die Familie nach Erfurt, wo der Vater eine Kolonialwaren-Großhandlung und – ein Jahr später – eine Beteiligung an der Zigarettenmanufaktur »Dixi« erwarb.

Nach Abgang vom Gymnasium mit der Obersekundareife begann Reemtsma 1909 eine dreijährige kaufmännische Lehre in einer Landesprodukten-Großhandlung in Erfurt, ehe er bei der renommierten »Orientalischen Tabak- & Cigarettenfabrik Yenidze« in Dresden, später beim Hersteller »Halpaus« in Breslau arbeitete. 1914 wurde er Mitarbeiter bei »Dixi«, die sein Vater 1910 als Alleininhaber übernommen hatte. 1915 folgte die Einberufung zum Wehrdienst, von dem er aber in Folge einer Erkrankung zwei Jahre später freigestellt wurde. 1917 wurden er und sein um ein Jahr jüngerer Bruder Philipp Mitinhaber des väterlichen Unternehmens. 1918 führte Hermann F. Reemtsma maschinelle Fertigungsmethoden in die Produktion ein.

Die Arbeitsteilung in dem ab 1919 unter »B. Reemtsma & Söhne« firmierenden Unternehmen – auch der dritte Bruder Alwin war beteiligt – sah fortan für Philipp F. Reemtsma die Bereiche Marktstrategie, Finanzen, Verkauf und Werbung, für Hermann F. Reemtsma Produktion, Organisation, Verwaltung und Personal vor.

Hermann F. Reemtsma heiratete im Juli 1918 Johanna (Hanna) Eisenschmidt (1895-1988). Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Helga, Hanna, Heike und Hermann-Hinrich.

Das Unternehmen Reemtsma expandierte in der Folge­zeit und konnte seine Marktstellung durch etliche Firmenzukäufe , die Qualität ausgesuchter Tabake – unterstützt durch den Tabakexperten David Schnur –, ­moderne Fertigungsmethoden und eine erfolgreiche Markenwerbung – prägend war der Werbefachmann Hans Domizlaff – ausbauen. Im Herbst 1921 fand die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft statt; zwei Jahre später wurde der Firmensitz vor allem wegen des Hamburger Freihafens und der damit verbundenen Möglichkeit der Tabaklagerung im Zollausland von Erfurt nach Altona-Bahrenfeld verlegt. Mit dem soliden wirtschaftlichen Aufschwung der Firma in Altona, der die Inflation überdauerte, wurden auch die Arbeitsbedingungen und sozialen Leistungen für die Arbeiter und Angestellten verbessert und erreichten einen vergleichsweise hohen Standard, wofür Hermann F. Reemtsma verantwortlich war.

1933 lernte Reemtsma den Maler und Bildhauer Hugo Körtzinger kennen, der enger Freund und Kunstberater wurde. Das zuvor bereits vorherrschende Interesse Reemtsmas für Musik und bildende Kunst führte zu einer intensiven Sammlertätigkeit. Im Zentrum stand die Kunst des 19. Jahrhunderts. Durch Körtzinger kam Reemtsma mit moderner Bildhauerei in Berührung. 1934 erfolgte der gemeinsame Besuch bei Ernst Barlach in Güstrow, woraus eine tatkräftige Förderung Reemtsmas für den politisch und wirtschaftlich bedrängten Künstler erwuchs. 1935 übergab Barlach sein letztes großes Werk, den »Fries der Lauschenden«, dessen Vollendung Reemtsma in Auftrag gegeben hatte. Auch andere Bildhauer wie Richard Scheibe, Georg Kolbe und Käthe Kollwitz unterstützte Reemtsma.

In den Jahren des Nationalsozialismus wuchs die Firma Reemtsma weiter. 1934 wurde sie als Marktführer in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Um sich im hart umkämpften Zigarettenmarkt in Deutschland zu behaupten, spendete das Unternehmen mehrfach hohe Summen an Parteiorganisationen und an Hermann Göring persönlich. Gleichzeitig engagierten sich sowohl Philipp als auch Hermann F. Reemtsma für jüdische Angestellte, die die Firma in Folge des äußeren politischen Drucks verlassen mussten.

1934 erwarb Hermann F. Reemtsma einen Hof in der Lüneburger Heide, den er bewirtschaftete und für sich und seine Familie zum Refugium ausbaute. Nach dem Tode Barlachs 1938 trat Reemtsma dem so genannten Gremium von Barlach-Freunden bei, das sich um den Nachlass des verfemten Künstlers bemühte.

Viele Reemtsma-Fabriken wurden zum Ende des Krieges in Rüstungsbetriebe umgewandelt, die Autonomie der Unternehmensleitung war erheblich eingeschränkt. Von den Bombardierungen waren fast alle Standorte betroffen. Nach der Besetzung Hamburgs wurde das Firmenvermögen durch die englische Militärverwaltung unter Treuhandschaft gestellt. Während Philipp F. Reemtsma 20 Monate inhaftiert war, stand Hermann F. Reemtsma kurzzeitig unter Arrest. Nachdem 1948 die Erlaubnis zur Geschäftsführung wieder erteilt worden war, gelang es den Brüdern in den fünfziger Jahren, ihre Vorrangstellung auf dem deutschen Zigarettenmarkt mit einem Anteil von über 40 Prozent zurückzuerobern. 1959 starb Philipp F. Reemtsma, ein Jahr später überraschend auch Hermann F. Reemtsma.

1945 eröffnete Hermann F. Reemtsma auf seinem Hof in der Lüneburger Heide ein »Barlach-Archiv«, das Interessierten Zugang zur Sammlung gewährte. Seine Barlach-Werke wurden auf mehreren Ausstellungen gezeigt. Reemtsma unterstützte verschiedene Kultureinrichtungen, so gehörte er 1946 zu den Mitbegründern der Ernst-Barlach-Gesellschaft und verhalf 1956 der Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen zu ihrer Entstehung. 1960 gründete er die »Ernst Barlach Haus – Stiftung Hermann F. Reemtsma«, um seine Sammlung dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In seinem Auftrag schuf der Hamburger Architekt Werner Kallmorgen einen kompromisslosen, auf die Werke Barlachs zugeschnittenen modernen Museumsbau im Jenischpark, unweit der Reemtsma-Hauptverwaltung. Das Ernst Barlach Haus konnte 1962, ein Jahr nach dem Tod des Stifters, eröffnet werden.

Im Gedenken an seinen Vater rief Hermann-Hinrich Reemtsma 1988 die Hermann Reemtsma Stiftung ins Leben.

LITERATUR Reemtsma-Chronik. Als Sonderdruck aus den Beiträgen zu einer Firmengeschichte für den Hausgebrauch hergestellt, Hamburg 1953; Eva Caspers/ Dagmar Lott-Reschke, »Kunstwerke, die mich angehen«. Der Sammler Hermann F. Reemtsma 1892- 1961, [Katalog zur Ausstellung im Ernst Barlach Haus, Hamburg, vom 11. Oktober 1992 bis 3. Januar 1993], Hamburg 1992; Sebastian Giesen, »Selbstbeherrschung, Besonnenheit, weise Mäßigung im Denken und Handeln«. Richard Scheibe und Hermann F. Reemtsma, in: Nymphe und Narziss. Der Bildhauer Richard Scheibe (1879-1964) [Katalog zur Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum, Berlin, vom 15. August bis 7. November 2004], hg. von Ursel Berger, Berlin 2004, S. 129-138; Erik Lindner, Die Reemtsmas. Geschichte einer deutschen Unternehmerfamilie, Hamburg 2007.

* Zitiert nach dem Eintrag von Sebastian Giesen in: Hamburgische Biografie. Personenlexikon, hrsg. v. Franklin Kopitzsch und Dirk Brietzke, Bd. 4, Göttingen 2008, S. 273/74.